Kreditvergleich: Was Stiftung Warentest und Co. übersehen

Die Stiftung Warentest hat Anfang Januar die Konditionen von Ratenkrediten zahlreicher Banken untersucht. Die Verbraucherschützer raten Kreditnehmern zu einem Vergleich und konstatieren ein „riesiges Sparpotenzial“.

Dass der Vergleich verschiedener Konditionen sich für Kredite lohnt, überrascht nicht: Manche Banken verlangen weniger als 4 %, andere mehr als 8 % für einen Ratenkredit mit mittlerer Laufzeit an einen Kreditnehmer mit durchschnittlicher Bonität.

Die Analyse von „Finanztest“ zeigt aber auch, welche Tücken in jedem Vergleich lauern und dass bestimmte Analysemuster der Verbraucherschützer überholt sind.

Appell: Der Einheitszins wird überschätzt

Die Stiftung Warentest unterscheidet in ihrer Untersuchung – wie schon in früheren Tests – strikt zwischen „zwei Arten von Krediten“: Kredite mit einheitlichem Zinssatz für alle Kreditnehmer und Darlehen mit individueller Zinsfestlegung.

Für einen aussagekräftigen Vergleich würde es reichen, letztere mit dem gesetzlich vorgeschriebenen 2/3-Zinssatz aufzulisten. Die Verbraucherschützer separieren dagegen die beiden Kreditarten voneinander.

An dieser Stelle sei deshalb ein Appell an „Finanztest“ und andere Marktbeobachter übermittelt: Es macht keinen Sinn, bonitätsabhängige von bonitätsunabhängigen Krediten zu unterscheiden, wenn sich die Unterscheidung auf die bloße Angabe der Bank beschränkt und sonst keine weiteren Informationen zur Verfügung stehen. Das hat mehrere Gründe.

„Bonitätsunabhängig“ ist keine Mischkalkulation und nicht zwingend transparent

Erstens: Jeder Kredit ist „bonitätsabhängig“ – sogar Kredite ohne SCHUFA werden nicht ohne Bonitätsprüfung ausgezahlt. Die Unterscheidung beschränkt sich notwendigerweise auf die Angabe der Bank zur Festlegung ihrer Zinssätze. Bei Krediten mit „bonitätsunabhängiger“ Verzinsung wird im transparentesten aller denkbaren Fälle eine Mindestbonität (gemessen an SCHUFA-Score und Einkommen) festgelegt.

Nur Antragsteller, die mindestens diese festgelegte Bonitätsgrenze erreichen, erhalten einen Kredit. Alle mit einer schlechteren Bonität erhalten eine Absage, auch wenn eine Kreditvergabe gegen moderate Risikozuschläge durchaus möglich wäre. Alle Kreditnehmer mit einer besseren als der Mindestbonität verzichten bei „bonitätsunabhängigen“ Krediten auf mögliche, bessere Konditionen.

Damit sind Kredite mit bonitätsunabhängiger Verzinsung allenfalls für Kreditnehmer fair, die exakt die Mindestbonität aufweisen. Alle anderen zahlen zu viel oder erhalten gar keinen Kredit.

Die Annahme, dass Banken eine Mischkalkulation ansetzen, ist nicht zutreffend: Die Kosten der Bonitätsprüfung unterscheiden sich in beiden Varianten nicht. Wo eine höhere Differenzierbarkeit von Kreditausfallrisiken technisch (auf Grundlage der SCHUFA-Scorewerte und des Einkommens) möglich ist, wird sie auch vorgenommen.

Bonitätsunabhängig ist der neue Lockzins

Keine Bank wird einem Verbraucher einen Kredit mit einer zu geringeren Risikoprämie gewähren, nur weil es eine Mischkalkulation so gebietet. Vor allem wenn vermeintlich einheitliche Zinssätze sehr niedrig angesetzt werden, sollte ein Vergleich auch auf die Annahmequote eingehen. Diese fällt bei niedrigen, einheitlichen Zinssätzen naturgemäß niedrig aus.

Seit geraumer Zeit übersieht nicht nur die Stiftung Warentest geflissentlich eine weitere Entwicklung im Kreditgeschäft: Banken platzieren ihre Ratenkredite im gut sichtbaren Feld der Vergleichsranglisten, indem sie niedrige, einheitliche Zinssätze angeben. Es ist schwer vorstellbar, dass 50 % plus X der eintreffenden Anfragen mit dem Verweis auf eine zu schwache Bonität einfach abgelehnt werden.

Stattdessen haben Banken zwei Möglichkeiten, mit abgelehnten Anträgen zu verfahren. Erstens kann eine „zweite Runde“ eingeläutet werden: Dabei wird Kreditnehmern mit der Absage das Angebot unterbreitet, die Anfrage im Hinblick auf ein „anderes Kreditprodukt“ erneut zu prüfen. Dann kommt es zu einem anderen Zinssatz doch noch zur Auszahlung. Zweitens können die Anfragen an Drittanbieter vermittelt werden.

Vor dem Inkrafttreten der Verbraucherkreditrichtlinie sahen Verbraucherschützer in Lockzinsen ein Problem: Kredite mit bonitätsabhängiger Verzinsung wurden mit dem niedrigsten möglichen Zinssatz beworben, der für kaum einen Kunden tatsächlich erhältlich war. Heute werden einige bonitätsunabhängige Kredite mit sehr niedrigen einheitlichen Zinssätzen beworben, die ebenfalls für einen Großteil der Interessenten nicht erhältlich sind, weil der Kredit gleich ganz abgelehnt wird.

Die Annahmequote wird als Vergleichskriterium vernachlässigt

Kreditvergleiche unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt von Vergleichen im Mobilfunk-, Energie- oder Zahlungsdienstebereich: Ob und unter welchen Bedingungen ein Vertrag zustande kommt, hängt wesentlich von individuellen Voraussetzungen des Vergleichenden ab. Die Angabe eines Zinssatzes ist deshalb ohne Aussagen zur Annahmequote nur bedingt sinnvoll.

Der Effektivzins ist nach wie vor das wichtigste Merkmal im Kreditvergleich. Er liefert aber nur dann eine sinnvolle Aussage, wenn seine Berechnung die Voraussetzungen des Antragstellers berücksichtigt – weil sonst entweder Risikozuschläge (ein anderer Zins) oder Leistungsausschlüsse (gar kein Kredit) zu erwarten sind.

Problematisch ist die Fokussierung auf niedrige und möglichst einheitliche Zinssätze vor allem für Interessenten mit nicht ganz optimaler Ausgangslage: Ein Nettoeinkommen unter 1.500 €, bestehende Kredite oder Unterhaltsverpflichtungen können reihenweise Absagen bei den prominent platzieren Banken nach sich ziehen.

Was sollten sich Kreditnehmer merken?

  1. Bonitätsabhängige Zinssätze sind weder unfair noch teurer als (vermeintlich) einheitliche Zinssätze und für alle mit einer maximal „befriedigenden“ Bonität sogar die bessere Wahl.

  2. Ohne Aussage zur Annahmequote bzw. den Annahmekriterien ist ein Zinssatz eigentlich gar nicht vollständig.

  3. Hinter einem „Zinssatz für alle“ kann eine Lockvogeltaktik 2.0 stehen.

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