Kreditzinsen 2016: Was der Start ins neue Jahr erwarten lässt

Der Jahresauftakt an den weltweiten Finanzmärkten verlief mehr als turbulent. Welche Rückschlüsse im Hinblick auf die Zinsentwicklung im deutschen Kreditgeschäft lassen sich aus den Kursstürzen an den Aktienmärkten, dem Ölpreisverfall, den Rekordständen bei Bundesanleihen und den abermals gewachsenen konjunkturellen Risiken ziehen?

Rendite von Staatsanleihen ist negativ

Die Renditen deutscher Staatsanleihen sind seit Jahren ein wichtiger Indikator für die Risikoaversion an den Finanzmärkten: Je niedriger die Renditen, desto stärker fürchten sich die Marktteilnehmer vor Krisen, Schocks und Kurseinbrüchen am Aktienmarkt.

Der BUND-Future-Terminkontrakt bildet die Rendite einer hypothetischen zehnjährigen Bundesanleihe  mit einem jährlichen Zinskupon von 6 % ab.

[caption id=”attachment_815” align=”alignnone” width=”587”]Bildschirmfoto (Quelle: Onvista.de): Der BUND Future ist auf Höhenflug Chart: Der BUND Future ist auf Höhenflug (Quelle: Onvista.de)[/caption]

Erreicht der BUND-Future einen Kurs von mehr als 160 Punkten, ist die Rendite dieser Anleihe negativ: Von 10.000 €, die ein Anleger heute investiert, fließen mit Zins und Tilgung in den nächsten zehn Jahren weniger als 10.000 € zurück.

In den ersten zwei Wochen nach dem Jahreswechsel ist der Kurs wieder deutlich angestiegen und notierte zum Börsenschluss am Freitag bei 160,28.

Renditen am Anleihemarkt wirken sich auf das Kreditgeschäft aus – aber in welche Richtung?

Die Renditen am Anleihemarkt stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit den Refinanzierungskosten von Banken: Je weniger Banken für über den Anleihemarkt akquirierte Liquidität bezahlen müssen, desto günstiger sollten auch die Kredite für Endkunden sein.

Die Betrachtung des BUND-Future allein reicht für eine Einschätzung der Lage allerdings nicht aus, weil der Kurs erstens nicht die Refinanzierungsbedingungen der Banken, sondern jene des Staates darstellt und zweitens nichts über die sonstigen Preisbestandteile eines Kredits (insbesondere Verwaltungskosten und Adressenausfallrisiko) aussagt.

Die Kreditausfallquote im deutschen Konsumentenkreditgeschäft lag dem SCHUFA-Kreditkompass zufolge in den vergangenen Jahren konstant im Bereich von 2,5 % und dürfte sich auch in diesem Jahr kaum verändern.

Selbiges gilt für die Verwaltungskosten, die im Jahr 2016 nicht durch weitere gesetzliche Auflagen erhöht und auch (noch) nicht durch neue Verfahren wie z. B. Videoident reduziert werden dürften.

Die Risikozuschläge für Anleihen deutscher Banken sind in den vergangenen Monaten dagegen tendenziell gestiegen. Darauf weist z. B. ein Vergleich der Kursentwicklung im BUND-Future mit der einer Anleihe der Deutschen Bank mit Fälligkeit im September 2012 hin: Während der BUND-Future seit Ende September 0,75 % hinzugewonnen hat, gab der Kurs der Anleihe des größten deutschen Kreditinstitutes um 0,25 % nach.

[caption id=”attachment_817” align=”alignnone” width=”966”]Bildschirmfoto (Quelle: OnVista.de): So haben sich die Risikozuschläge entwickelt Bildschirmfoto (Quelle: OnVista.de): So haben sich die Risikozuschläge entwickelt[/caption]

Wird die Refinanzierung von Ratenkrediten teurer?

Die deutliche Differenz in der Kursentwicklung ist ein Indiz für steigende Risikozuschläge für Bankanleihen, die in einem unsicheren Umfeld offenbar als zunehmend risikobehaftet eingeschätzt werden.

Dazu passt ein in der Börsenberichterstattung der vergangenen Tage vielbeachtetes Statement von Andrew Roberts, dem Chefanalysten der Royal Bank of Scotland. Dieser riet dazu, „alles zu verkaufen“, außer „hochwertigen Anleihen“.

Damit bezeichnen Analysten zumeist Staatsanleihen bestmöglicher Bonität („Triple A“) wie z. B. Schuldverschreibungen der Bundesrepublik Deutschland. Die Ratings der Deutschen Bank sind zwar ausgesprochen gut, fallen aber dennoch nicht in diese hervorgehobene und in der Regel Staaten vorbehaltenen Kategorie.

Sollten sich diese jüngsten Trends fortsetzen, müssten Banken künftig wieder höhere Renditen für die Refinanzierung von Ratenkrediten bieten. Fraglich ist, wie die EZB auf eine solche Entwicklung reagieren könnte. Schließlich besteht ein wesentliches Ziel der lockeren Geldpolitik seit Jahren in einer Stimulation der Kreditvergabe in der Eurozone.

Sinkt der EZB-Leitzins auf minus 0,70 % ?

Andrew Roberts prognostiziert neben deutlichen Kursrückgängen an den Aktienmärkten auch eine Absenkung des EZB-Leitzinssatzes auf minus 0,70 %.

Das allerdings müsste fast zwingend mit einem Ende der im Dezember eingeleiteten Zinswende in den USA einhergehen, da eine solche Ausweitung der Zinsdifferenz unweigerlich zu einer deutlichen und in den Kernländern der Eurozone kaum akzeptanzfähigen Abwertung des Euro einhergehen müsste.

Kommt es tatsächlich zu einem deutliche(re)n Anstieg der Risikozuschläge für Bankanleihen in Deutschland und der Eurozone und will die EZB den Leitzins unangetastet lassen, müsste das Anleiheankaufprogramm auf Titel von Geschäftsbanken ausgeweitet werden. Auch das hätte allerdings Auswirkungen auf den Wechselkurs.

Ölpreis und Konjunktursorgen zunächst günstig für Kreditnehmer

Der rasante Absturz des Rohölpreises wirkt sich ebenso wie die schwache Konjunktur in China allenfalls mittelbar auf das Kreditgeschäft aus: Beides wirkt dämpfend auf die Inflation und damit tendenziell lockernd auf die Geldpolitik.

Sollte es allerdings auch in Deutschland zu einer spürbaren Eintrübung der wirtschaftlichen Situation kommen, müssten sich Bankkunden wieder an restriktivere Annahmekriterien im Privatkundengeschäft gewöhnen, die aufgrund der guten Arbeitsmarktentwicklung der vergangenen Jahre beinahe in Vergessenheit geraten sind.

Kurzum: Das Kreditgeschäft des Jahres 2016 dürfte ganz im Zeichen der europäischen und weltweiten Wirtschaftsentwicklung stehen: Anleihekurse, Geldpolitik, Konjunktur und Inflation sind derzeit ebenso schwer einzuschätzen wie die spätestens seit dieser Woche extrem pessimistischen Aktienmärkte.

Fazit für Kreditnehmer

Es macht gegenwärtig keinen Sinn, Finanzierungsvorhaben aus Angst vor steigenden Zinsen überstürzt anzugehen oder in der Hoffnung auf sinkende Zinsen auf die lange Bank zu schieben. Für beides gibt es schlicht keinen triftigen Grund, da die Zinsen bereits niedrig sind und allzu drastische Verwerfungen durch die EZB gestoppt werden dürften.

Ansonsten sei auf Mark Twain (oder Nils Bohr) verwiesen: Prognosen sind schwierig – besonders, wenn sie die Zukunft betreffen.

27. Jan 2016